Neues aus Emden
Reformationstag in Ostfriesland: Tag des Nachdenkens, der Freiheit – und der ostfriesischen Gemütlichkeit
Am 31. Oktober gedenken evangelische Christinnen und Christen der Reformation. Seit 2018 ist der Reformationstag in Niedersachsen und damit auch in ganz Ostfriesland ein gesetzlicher Feiertag. Während vielerorts vor allem an Martin Luthers historischen Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg im Jahr 1517 erinnert wird, besitzt dieser Tag auf der ostfriesischen Halbinsel eine ganz eigene, historisch tief verwurzelte Bedeutung. Er steht für gelebte religiöse Toleranz, kirchliche Vielfalt und liebgewonnene regionale Bräuche wie die traditionellen Reefkooks.
Ostfrieslands besondere Rolle: Emden als Zufluchtsort und Mutterkirche
In Ostfriesland verlief die Reformation gänzlich anders als in vielen anderen Territorien des Heiligen Römischen Reiches: Sie wurde den Menschen nicht von einer fernen Obrigkeit nach dem Grundsatz bestimmt, sondern wuchs organisch aus den Gemeinden selbst heraus. Maßgeblichen Anteil daran hatte die weitsichtige Politik der ostfriesischen Landesherrin Gräfin Anna von Oldenburg, die im 16. Jahrhundert konsequent auf Ausgleich, Dialog und religiöse Duldsamkeit setzte.
Statt sich strikt auf eine Konfession festzulegen, bot die Region sowohl Lutheranern als auch Reformierten Raum für ein friedliches Miteinander. Die Seehafenstadt Emden erlangte damals Weltgeltung als „Moederkerk“ (Mutterkirche) des niederländischen Protestantismus, weil Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden hier verlässlich Zuflucht und Schutz fanden. Bis heute prägt dieses reiche Erbe die hiesige Kirchenlandschaft: Reformierte und lutherische Gemeinden wirken seit Jahrhunderten Seite an Seite, eng verbunden durch gegenseitige Wertschätzung und ökumenische Zusammenarbeit.
Feste Tradition am Feiertag: Duftende Reefkooks aus der Pfanne
Der Reformationstag ist in Ostfriesland nicht allein ein Anlass für feierliche Gottesdienste und kirchenmusikalische Andachten, sondern wird von vielen Familien traditionell kulinarisch zelebriert. Untrennbar mit dem 31. Oktober verknüpft ist der ostfriesische Reefkook – der klassische Reibekuchen.
In zahllosen heimischen Küchen brutzeln an diesem freien Herbsttag die frisch geriebenen Kartoffelpuffer in der Pfanne: Außen goldbraun und herrlich knusprig gebacken, innen zart und saftig. Serviert werden sie klassisch mit feinem Apfelmus oder deftig auf einer frischen Scheibe Schwarzbrot. Für viele Ostfriesinnen und Ostfriesen gehört dieses bodenständige Traditionsgericht ebenso unverzichtbar zum Reformationstag wie der anschließende ausgedehnte Klönschnack bei einer dampfenden Tasse echten Ostfriesentees mit Kluntje und Sahne.
Haltung, Erneuerung und Verantwortung im Alltag
In den Kirchen der Region erinnert der 31. Oktober daran, dass die reformatorische Bewegung kein starres Ereignis der Vergangenheit war, sondern ein dauerhafter Impuls zur Weiterentwicklung: Das bekannte theologische Leitmotiv „ecclesia semper reformanda“ mahnt, dass Institutionen und die Gesellschaft als Ganzes sich beständig hinterfragen und den Herausforderungen der Gegenwart stellen müssen.
Fragen der Gewissensfreiheit, der gelebten Nächstenliebe und der gesellschaftlichen Verantwortung stehen daher traditionell im Zentrum der Predigten, Vorträge und Gemeindeveranstaltungen zwischen Krummhörn, Leer und Aurich.
Ein Datum, zwei Welten: Wenn Reformation auf Halloween trifft
Da der 31. Oktober kalendarisch mit Halloween zusammenfällt, begegnen sich am Abend zwei völlig gegensätzliche Welten: Während in den Kirchen Orgelmusik, Kerzenschein und ruhige Andachten zur Besinnung einladen, ziehen vor den Haustüren fantasievoll verkleidete Kinder von Haus zu Haus, um fröhlich Süßigkeiten zu fordern.
In Ostfriesland begegnen die Menschen diesem Kontrast mit ihrer sprichwörtlichen norddeutschen Gelassenheit: Man genießt den freien Arbeitstag für einen stärkenden Spaziergang am Deich, verbringt Zeit mit der Familie am Esstisch – und hält für die kleinen Hexen, Geister und Vampire an der Haustür einfach eine Schale Bonbons bereit.
Der Reformationstag auf einen Blick
- Anlass: Gedenken an den Beginn der Reformation 1517
- Datum: Jährlich am 31. Oktober (gesetzlicher Feiertag in Niedersachsen seit 2018)
- Historische Besonderheit: Emden als europäische „Moederkerk“, Miteinander von Lutheranern und Reformierten unter Gräfin Anna
- Kulinarischer Brauch: Frische Reefkooks (ostfriesische Reibekuchen), serviert mit Apfelmus oder Schwarzbrot
- Regionaler Akzent: Feiertagsruhe, Festgottesdienste und geselliger Ostfriesentee treffen am Abend auf Halloween-Bräuche
— Redaktion: LeserECHO Emden